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Projekte

Die Hetlinger Weidenallee - ein Naturjuwel

Lange war sie "herrenlos" und fast vergessen - nun können die ersten 30 m einer mindestens 120 Jahre alten Weidenallee wieder erlebt werden. Dieses elbnahe Schmuckstück ist zum einen ein wertvoller Lebensraum für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten, zum anderen jedoch auch ein geschichtsträchtiger Ort, der viel über Arbeit und Alltag vergangener Generationen verrät.

(Kultur-) Historie

Bereit auf historischen Karten ist eine Wegeverbindung zwischen Juelssand an der Unterelbe, den den Hofstellen Fährmannssand und Giesensand bis nach Wedel zu erkennen. Laut der Hetlinger Dorfchronik von 1949 hatte der damalige Besitzer des Gehöfts Giesensand Hermann Lensing von Schilden (gestorben 1968) diesen Weg erbaut. Er verband den sogenannten Schanzensand mit Giesensand und führte letztlich über Fährmannssand bis nach Wedel. Letztendlich für den Deichbau sind weite Abschnitt der Wegeverbindung verschwunden.

Verblieben ist ein 1,7 km langer Abschnitt von Hetlingen über Giesensand bis an den Elbdeich. Die 620 m bis zum Hof Giesensand  "herrenlos", bis die Gemeinde Hetlingen diesen Abschnitt im Jahr 2022 kaufte.

Wann genau die Kopfweiden gepflanzt wurden, lässt sich leider nicht mit Sicherheit feststellen. Geschätzt wird der Zeitraum auf zwischen 1968 und 1920. Die Weiden haben also bereits ein sehr stolzes Alter erreicht!

Generell war die Pflanzung von Allee-Bäumen hochfunktional: Sie fungierten als Wegemarkierung und boten bei schlechter Sicht, wie Regen oder Marsch-Neben sowie bei Schnee eine zuverlässige Orientierung, um sich nicht zu verlaufen. Zudem dienten die Kopfweiden als Eisbrecher, immerhin gab es nich klange keinen Deich. Ein Abkommen vom Weg konnte gerade in den feuchten Marsch-Gebieten und nähe der Elbe verhängnisvoll enden. Die Wegeverbindung von Hetlingen nach Wedel wurde viel genutzt wie zum Beispiel von den Hetlinger-Kindern, die so den kürzesten Weg nach Wedel zur Schule liefen. Ebenso dienten die Weidenruten, welche regelmäßig in ca. 2 m Höhe gekürzt wurden als Material für Flechtzäune, Körbe oder zur Herstellung von Reifen für die Ummantelung von Fässern. So sind die Hetlinger Bandreißer recht bekannt und einige Ehrenamtliche haben die langjährige Tradition dieses Handwerks noch lange am Leben erhalten.

Kopfweiden sind dabei ein landschaftstypisches Element der Elbmarschen. Bereits 1920 beschreibt der Hamburger Künstler Oskar Schwindrazheim in seinem 1920 erschienen Buch „Im Feenlande ´Immerhin`“ die Landschaft um Hetlingen und zeigt einige Abbildungen von Wegen, die mit Kopfweiden bepflanzt sind. Die Gemeinde Hetlingen trägt dieses typische Element der Kopfweide sogar im Wappen. Umso dringlicher erscheint die Erhaltung der Kopfweidenallee Langer Fährdamm.

Da die Kopfweiden schon lange nicht mehr gepflegt wurden und auseinander zu brechen drohten, haben ab 2022 die Integrierte Station Unterelbe des Landes Schleswig-Holstein im Elbmarschenhaus in Haseldorf, gemeinsam mit der Gemeinde Hetlingen, dem Umweltschutzverein ARGE aus Hetlingen und dem Regionalpark Wedeler Au e.V. Aktionstage mit Ehrenamtlichen durchgeführt. Einzelne Kopfweiden wurden fachgerecht zurückgeschnitten, das Schnittgut entweder zu Totholzhaufen aufgesetzt, als Brennholz genutzt oder als Schreddergut auf öffentlichen Wegen eingesetzt. Diese Aktion wurde 2021 und 2022 fortgeführt. Weitere Pflegemaßnahmen wurden von Gemeindemitgliedern durchgeführt.

 

Kopfweiden und Naturschutz

'Kopfweiden' sind keine eigenständige Pflanzenart, sondern bezeichnen eine typische Schnitt- bzw. Bearbeitungsform. Aus nahezu allen heimischen Weidenarten lassen sich durch entsprechende Schnittmaßnahmen 'Kopfweiden' formen. Aufgrund des Alters und der bisher ungestörten Entwicklung der Hetlinger Kopfweiden handelt es sich um gebietseinheimische Weidenarten. Diese Pflanzenart ist selten, weist eine hohe Standortanpassung und einen wertvollen Gen-Pool auf. Alle hier vorgenommenen Nachpflanzungen sind aus Stecklingen der vorhandenen Pflanzen gezogen worden.

Die typische Kopfweidenform entsteht dabei durch das Einkürzen der Bäume in einer Höhe von ca. zwei Metern. Hier bilden sich neue Triebe, die wiederum regelmäßig geschnitten werden. Dadurch bildet sich im Laufe der Zeit die typische Kugelform, wodurch der Namen „Kopfweide“ herrührt. Ursprünglich wurden die Ruten geerntet, um diese zu nutzen (Flechtzäune, Körbe, Bandreißer).

Heute besitzen Kopfweiden vor allem eine ökologische Bedeutung: Die regelmäßigen Baumschnitte fügen der Weide Wunden zu. Durch diese Wunden entstehen Faulstellen und Löcher. Dies ist jedoch kein Nachteil. Fast 100 zum Teil bedrohte Käferarten können dadurch kleine Höhlen im Baum beziehen. Auch Fledermäuse und Eulen finden hier Unterschlupf. Ebenso stellt die Allee ein wichtiges Biotopsverbundselement dar und bietet zahlreichen Säugetieren, Vögeln, Reptilien, Amphibien und Insekten einen wertvollen Lebens- und Bewegungsraum.

Aufgrund des Alters der Bäume hier zeigen die meisten typische Faulhöhlen, Spalten und Astausbrüche. Dies stellt einen Lebensraum für charakteristische, meist seltene Arten dar. Allerdings führt das Auseinanderbrechen langfristig dazu, dass die Bäume irgendwann vollständig absterben. Vermeiden lässt sich dies nur durch einen fachgerechten Schnitt. Dennoch sollen Faulstellen, Höhlen, Spalten, Astausbrüche unter Erhalt des Baumes als Lebensraum und für die biologische Vielfalt erhalten bleiben,

Ebenso wertvoll wie die Weiden an sich, sind die Umgebungsgegebenheiten: In den Lücken zwischen den Weiden bieten Weißdorn, Eberesche und Hundsrosen sowie vereinzelt Wolliger Schneeball und Bergahorn Schutz, Lebensraum und Nahrung. Ebenso die Gräben zu den Seiten der Allee fungieren als Brut-,Laich- und Lebensraum für zahlreiche Amphibien und Wasservögel.

Alleen sind gesetzlich geschützte Biotope. Zum Schutz der - teils bedrohten - Lebewesen in der Allee bzw. auf den angrenzenden ökologisch wertvollen Flächen ist es wichtig, die Weidenallee zu schützen.  und den öffentlichen Zugang für Menschen und Menschen mit Hunden stark zu beschränken, damit sich Pflanzen und Tiere ungestört ansiedeln und entwickeln können. Um diese Ungestörtheit zu erhalten, aber auch die Pflanzen und Gräser auf der Allee kurz zu halten und ungewollten Bewuchs zu verhinden, übernehmen die Schafe und Rinder der umliegenden Weiden zeitweise den Pflegeauftrag und dürfen die Gräser der Fläche kurz fressen.

 

 


Gemeinsam für die Allee

2022 griff die Gemeinde Hetlingen eine Initiative des Regionalparks Wedeler Au für die Neuanpflanzung von Kopfweiden auf und suchte Unterstützer, um die alte Allee zu retten. Gemeinsam mit dem Förderverein Kulturlandschaft Pinneberger Baumschulland e.V., dem Team im Elbmarschenhaus, dem Regionalpark Wedeler Au, Mitarbeitern der Unteren Naturschutzbehörde des Kreises Pinneberg sowie Aktiven des Vereins Arge Umweltschutz werden seitdem Konzepte erarbeitet, um die Allee zu erhalten und erlebbar zu machen.

Hierfür waren zunächst für die Bestandserfassung diverse Gutachten erforderlich. Die Kopfweiden wurden einzeln erfasst und Wissenschaftler haben die Vorkommen von Vögeln, Fledermäusen und Käfern kartiert. Dabei wurden übrigens 400 Käferarten gezählt, darunter eine Art, die als ausgestorben galt sowie ein Erstnachweis für Schleswig-Holstein!

Abschnittsweise werden die Kopfweiden gepflegt und durch eine Baumpflegefirma wurden wurden aus den alten Weiden junge Triebe gezogen, die die Lücken in der Allee schließen sollen.

 

Zugänglichkeit der Weidenallee

Seit September 2026 ist ein erster Teil der Weidenallee jederzeit begehbar. Eine Bank lädt zur Rast ein, der Blick in die Allee kann genossen werden und eine Infotafel bietet Informationen zur kulturhistorischen sowie naturschutzfachlichen Bedeutung der Weidenallee. Bei der Finanzierung half die AktivRegion Pinnebergr Marsch & Geest.

Eine erweiterte Zugänglichkeit ist aus naturschutzrechtlichen Gründen nur im Rahmen von regelmäßigen Führungen möglich. 



Zahlen und Fakten

  • 1,7 km lange Weidenallee - rund 620 m im Besitz der Gemeinde Hetlingen 
  • 155 lebende Silberweiden (Salix alba) zusätzlich ca. 30 Nachpflanzungen 
  • 20 Brutvögel-Arten 
  • 390 Käfer-Arten, davon 59 auf der Rote Liste. Eine bisher als ausgestorben gegoltene Art (Tachinus bipustulatus) sowie ein Erstnachweis für SH (Trixagus obtusus)

 

 

Aktuelle Führungen

  • tba

Bei Interesse an Führungen gerne melden unter:

info@regionalpark-wedeler-au.de